Dein Übergangsritual für die Wechseljahre

Von: Annabell Karbe 

Titelbild Übergangsritual für die Wechseljahre

Du hast es bereits erlebt – das ein oder andere Übergangsritual in deinem Leben.

Ob dir als Baby Taufwasser auf die Stirn getröpfelt wurde, du eine Schultüte getragen hast oder auf deinem Junggesellinnenabschied getanzt hast… Rituale haben dir signalisiert, dass für dich ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Aber wie sieht es mit deinen Wechseljahren aus? Gibt es dafür ein Übergangsritual? Und wenn ja, was genau macht seinen Wert aus?

Diesen Fragen gehe ich in meinem heutigen Blogartikel nach. Und ich verrate dir gleich zu Anfang – ja, es gibt es, das Übergangsritual für die Wechseljahre!

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Ein Kind wird geboren. Ein Kind wird erwachsen. Ein Erwachsener heiratet. Ein Erwachsener stirbt.

All das sind klassische Übergänge, die seit jeher von Ritualen rund um den Globus begleitet wurden. Und noch heute begehen wir viele dieser Rituale in alter Tradition.

Sieht man sich beispielsweise Hochzeiten an, dann findet man häufig immer noch die altbekannten Rituale – angefangen vom Junggesellenabschied über das weiße Brautkleid bis hin zum Werfen des Brautstrausses.

Und auch wenn sich einige dieser gesetzten Rituale in unserer hochindividualisierten Gesellschaft verlieren, werden an anderer Stelle neue erfunden.

Das Internet ist voll von Ritualbegleiter*innen, Ritualleiter*innen und -helfer*innen.

Und auch neue Anlässe kommen hinzu. So ist es bereits möglich, seine Scheidung mit einem Ritual zu gestalten.

Ja, das Bedürfnis nach Übergangsritualen hat Bestand.

Aber was genau macht diese Übergangsrituale aus?

Übergangsrituale geben Halt

Übergänge im Leben sind oft geprägt von grossen Unsicherheiten. Wir spüren mit allen Sinnen, dass unser altes Sein nicht mehr gilt, wissen aber noch nicht, was unser neues Sein ausmachen wird.

So gilt es, unterschiedliche Gefühle auszuhalten – wir trauern, weil wir nie mehr so sein werden wie zuvor und wir ängstigen uns, weil wir nicht wissen, ob das Neue wirklich gut sein wird.

Das fühlt sich manchmal so an, als ob uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Ein Schwebezustand, der uns durcheinanderwirbelt.

Ein Übergangsritual gibt uns Halt in dieser haltlosen Zeit. Es setzt einen Rahmen.

Da ist das Hochzeitskleid, das gekauft werden möchte, die Tischordnung, die organisiert werden möchte, der Gang vor den Traualtar, der mit Pastorin oder Pastor besprochen werden möchte.

Aber. nicht nur die Handlung gibt uns Halt. Es ist auch die Vertrautheit, die wir diesen Ritualen und Symbolen gegenüber empfinden. Denn sie begegnen uns seit frühester Kindheit, ob in Erzählungen, Filmen oder in eigenem Miterleben.

Damit registrieren wir, bewusst oder unbewusst, dass schon etliche Menschen vor uns diese Rituale durchliefen und „heil auf der anderen Seite“ angekommen sind.

Und auch wenn wir es ganz anders machen wollen als unsere Eltern und Großeltern – Jeans statt weissem Tüllkleid, eine Party statt Bankett, vegane Muffins statt zuckriger Hochzeitstorte -, so dienen uns die traditionellen Rituale zur Orientierung.

Übergangsrituale helfen dir, das Alte zu beenden

So positiv ein neuer Lebensabschnitt auch sein mag, zu den meisten Übergängen gehört dazu, dass etwas Altes losgelassen werden muss.

Übergangsrituale helfen uns, das Nebeneinander von widersprüchlichen Gefühlen – Vorfreude und Traurigkeit – anzunehmen und zu ordnen.

Der Hochzeit geht nicht umsonst der Junggesellinnenabschied voraus. Im Kreis unserer Vertrauten trauen wir uns zu äußern, was uns unserer Partnerin oder unserem Partner gegenüber vielleicht nicht so leicht von den Lippen geht. Wir stoßen humorvoll auf das „alte Leben“ an und verabschieden es im wilden Tanz auf der Tanzfläche.

In vielen Übergangsritualen wurde und wird dieses „Sterben des alten Status’“ viel drastischer gelebt und ausgedrückt als wir es üblicherweise kennen.

Bei einigen Völkern in Papua-Neuguinea werden beispielsweise jungen Männern im Rahmen einer mehrwöchigen Einweihung Narben zugefügt, die die Haut eines Krokodils nachbilden. Durch diese „Krokodilbisse“ sterben die Männer spirituell, bevor sie in einer weiteren Phase regenerieren und von ihrem väterlichen Klan in geheimes Wissen eingeweiht werden.

Übergangsrituale zeigen dir die Unterstützung deines sozialen Umfeldes

Ob Einschulung, Hochzeit oder Trauerfeier, die meisten Übergangsrituale werden vom Kollektiv begangen. Familie und Freund*innen kommen zusammen, um gemeinsam vorzubereiten und zu feiern. Wir bekommen Zuwendung, Geschenke und den Segen unserer Liebsten. Das kann uns durch die Phase der Veränderung tragen und Rückhalt bieten.

Nicht zu unterschätzen ist die Zeit, die wir durch die Rituale miteinander verbringen. Durch sie entsteht ein Raum, in dem wir uns mitteilen, uns anvertrauen und Fragen stellen können.

Und auch bei unserem Gegenüber kann unser Veränderungsprozess etwas auslösen – Erinnerungen an die eigenen Übergänge werden wach.

Es ist vielleicht das erste Mal, dass unsere Großmutter uns von ihrer Hochzeit erzählt, oder dass Freundinnen ihre Ehe reflektieren.

Dabei wird es nicht immer um Positives gehen; Pannen, Krisen und Scheitern gehören dazu und werden im Rückblick von den Erzählenden biographisch eingeordnet.

Das kann uns helfen, widerstandsfähig zu werden in unserem eigenen Übergang. Geht etwas schief, dann wissen wir, dass es schon Anderen so gegangen ist, und dass Höhen und Tiefen zu diesen Veränderungsprozessen dazugehören.

Warum ein Übergangsritual für deine Wechseljahre?

Die Wechseljahre sind ein klassischer Übergang von einem Status in den nächsten.

Das äußert sich nicht nur in dem biologischen Wandel von der fruchtbaren zur unfruchtbaren Frau.

Wir Frauen zwischen 40 und 60 Jahren wandeln uns auf ganz unterschiedlichen Ebenen – angefangen bei komplexen körperlichen Veränderungen über seelische Prozesse bis hin zu veränderten Lebensumwelten.

Wir entdecken erste Falten im Gesicht, sehnen uns nach Rückzug, spüren Tatendrang, verabschieden unsere Kinder in ihr Erwachsensein und heissen unsere Eltern im Kanon der Umsorgenden willkommen… wir hinterfragen unsere Partnerschaft, können beruflich nicht mehr das leisten, womit wir uns jahrzehntelang identifiziert haben und möchten nochmal die Welt umsegeln.

Diese Zeit des Umbruchs ruft geradezu nach einem Übergangsritual, doch was ist das?

Kramen wir in unserem (kollektiven) Gedächtnis danach, da ist – nichts!

Oder kannst du dich daran erinnern, dass deine Mutter, Tante oder Großmutter ihren Wechsel in irgendeiner Weise mit einem Ritual gefeiert hat?

Wurden die Wechseljahre dieser Generationen überhaupt thematisiert?

Es ist Zeit für ein Übergangsritual für die Wechseljahre

Spätestens jetzt, wo die Lebensdauer von uns Frauen nicht mehr nur 45 Jahre beträgt (1910!), ist es Zeit für ein Übergangsritual für die Wechseljahre. 😉

Denn dieses kann genau das erfüllen, was ich oben beschrieben habe – es kann uns Frauen in einer Phase der radikalen Veränderung Halt geben, es kann uns dabei helfen, die Endlichkeit unserer Jugend zu betrauern, bevor wir unser alterndes Ich willkommen heißen, und es kann uns einen Raum eröffnen, in dem wir uns mit anderen Menschen über unsere und ihre Erfahrungen austauschen.

Und ja, es gibt nicht nur DAS Übergangsritual, es werden verschiedene Übergangsrituale für die Wechseljahre entwickelt. Da gibt es Schwitzhüttenrituale, Blumenrituale, Räucherrituale und vieles mehr.

Die Reise durch das Medizinrad als Übergangsritual für die Wechseljahre

Ich bin vor einigen Jahren das erste Mal durch das Medizinrad gereist und ich stellte fest, dass es sich als Übergangsritual für die Wechseljahre hervorragend eignet.

Seelenreinigung vom Feinsten

Wenn wir in den Wechseljahren ankommen, haben wir schon einige Jahrzehnte an Lebenserfahrung gesammelt. Und damit einher haben wir oft auch so manchen Brocken in unseren Lebensrucksack mit aufgenommen. Dieser lastet nach und nach immer schwerer auf unseren Schultern und wir spüren eine wachsende Sehnsucht, diese Brocken zu sichten und hinter uns zu lassen.

Ob Überdruss („Ich bin jetzt fast 50 Jahre alt und hänge immer noch in uralten Mustern fest!“) oder Dringlichkeit („Willkommen Endlichkeit – Jetzt oder nie!“) – die Gefühlswelt in den Wechseljahren kann einen Klärungsprozess einleiten, der uns bereit dazu macht, in die dunklen Ecken unseres Ichs zu steigen, um dort Licht hineinzubringen.

Auf der Reise durch das Medizinrad ist genau dafür Raum – und die vier Archetypen, die in den Himmelsrichtungen warten, liefern das geeignete Werkzeug und Wissen dazu. Die Schlange lehrt uns, uns zu erden, so dass wir loslassen können, der Jaguar hilft uns, die Brocken in unserem Lebensrucksack zu sichten, der Kolibri führt uns zu dem, womit wir unseren Lebensrucksack neu füllen möchten und der Kondor schenkt uns den Weitblick, mit dem wir das Erfahrene einordnen und nutzen können.

Ein spiritueller Anknüpfungspunkt

Bei Vielen von uns kommt in den Wechseljahren unsere spirituelle Seite stärker zum Vorschein. Oft wird uns bewusst, wie sehr wir uns bemüht haben, „unseren Mann zu stehen“, und alles zusammenzuhalten. Es kann auch eine konkrete Krise sein, die uns mit den großen Lebensfragen konfrontiert. Oder es ist ein steter Strom einer Sehnsucht, die wir nicht greifen können, die uns aber immer öfter zu spirituellen Themen und Angeboten führt.

Das Medizinrad ist ein uraltes Übergangsritual, das von dem Urwissen alter Kulturen – in meinem Fall von der Andenkultur – gespeist wird. Es lehrt uns, uns wieder mit den kosmischen Prinzipien zu verbinden und auf sie zu vertrauen – und gibt uns das wohltuende und stärkende Gefühl, in ein Großes Ganzes eingebunden zu sein.

Ein nachhaltiges Übergangsritual, das uns die Prinzipien von Veränderung lehrt

Das Wort „nachhaltig“ mag in diesem Zusammenhang ungewöhnlich klingen, aber es passt für mich zu einer der Eigenschaften des Medizinrads, die ich am meisten liebe. Denn wenn wir das Medizinrad einmal durchreist haben, geschieht etwas Magisches – wir kommen nicht wieder am Ausgangspunkt an, sondern in der Mitte des Rads.

Gespeist von der Medizin und der Weisheit der vier Archetypen, wissen wir nun darum, wie wir Veränderung jeglicher Art gestalten können. Und wir können je nach Lebensphase und Situation entscheiden, ob wir erneut durch das Medizinrad reisen oder nur in eine der Himmelsrichtungen, deren Energie wir gerade besonders bedürfen.

Es kann ein großartiges Geschenk sein, von nun ab die Schlange, den Jaguar, den Kolibri und den Kondor als treue Begleiter an seiner Seite zu wissen – ganz zu schweigen von Pachamama und weiteren kosmischen Kräften.

Im Tun liegt die Kraft und Magie

Ich könnte noch endlos weiter erzählen, warum sich die Reise durch das Medizinrad als Übergangsritual für die Wechseljahre eignet… und einen Grund nenne ich dir heute noch. 😉

Es ist der Grund, der mein Herz immer wieder für den Weg der Andentradition gewinnt: Dieser Weg offenbart sich im Tun. Und die Kraft und Magie des Medizinrads ebenso.

Nicht reden, nicht analysieren, nicht zerdenken, sondern tun, und dann schauen, wie du dich und wie dein Leben sich verändert.

Und ganz pragmatisch rettet uns genau dieses Tun in so machen Tiefen, die uns die Wechseljahre bescheren können.

Wenn die Grübelei im Oberstübchen Oberhand nimmt, wenn sich trotz endloser Gedankenschleifen keine Lösungen finden lassen oder wenn Ängste das Denken vernebeln, dann lernen wir im Medizinrad kleine Übungen und Rituale kennen, die uns wieder in den Körper und ins Hier und Jetzt bringen.

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